Frieder Anders

Meister des authentischen Yang-Stils

Ich praktiziere Taichi Chuan seit 1973. Nach zweijährigem Selbststudium anhand englischer Lehrbücher unternahm ich Taichi-Studienreisen nach London, New York (Chinatown) und Taipei, der Hauptstadt der chinesischen Inselrepublik Taiwan.

1979 fand ich in K.-H. Chu, London, dem einzigen authentischen Yang-Stil-Taichi-Meister in Europa, meinen Lehrer und begann bei ihm meine Ausbildung. Diese Begegnung gab für mich den Ausschlag, 1980 in Frankfurt die erste deutsche Taichi-Schule zu gründen. 1988 wurde ich von Meister Chu zu seinem ersten Meisterschüler ernannt. Nach chinesischer Tradition bedeutet das den Zugang zu den tieferen Geheimnissen der Lehre und die Ernennung zum potentiellen Nachfolger des Meisters.

Der »authentische Yang-Stil«, von Meister K.H. Chu exklusiv in Europa gelehrt, wird im Rahmen der »International Taichi Chuan Association« (ITCCA) verbreitet und in der Qualität seiner Lehrmethoden ständig verbessert. Ich bin ihr Repräsentant für Deutschland und bilde Lehrbeauftragte aus. Seit 1988 habe ich jährlich drei besonders Begabte zu Lehrbeauftragten ausgebildet.

Ich habe zwei Bücher über Taichi Chuan veröffentlicht: 1977 das erste Lehrbuch in deutscher Sprache »Tai Chi Chuan. Meditation in der Bewegung« und 1985 »Taichi - Chinas lebendige Weisheit« (Irisiana-Heyne), das in eingeweihten Kreisen der Lehre als Standardwerk gilt, weiterhin erschienen Artikel in fachspezifischen Publikationen. Meine speziellen Lehrgänge für Fortgeschrittene stehen allen Schüler/innen der ITCCA zur Verfügung.

2002 ernannte mich Meister King-Hung Chu als erster Europäer zum Meister des authentischen Yang-Stils. Die Berechtigung, den Meistertitel zu führen, erfolgt aus der Traditionslinie, aus der Weitergabe von Meister zu Meister.

Die Traditionslinie des authentischen Yang-Stils beginnt mit Yang Lu-Chan (1799 bis 1872) und führt zu Meister Chu, der in London die 5. Generation der Yang-Familie vertritt, beauftragt für Europa. Ich bin Vertreter der 6. Generation der Yang-Familie

 

Was ist Taichi Chuan?

Interview mit Frieder Anders anläßlich seiner Ernennung
zum Taichi-Meister im Jahre 2002

Frieder Anders, Du bist seit kurzem der erste Taichi-Meister des authentischen Yang-Stils in Deutschland geworden. Was bedeutet das?

Im Frühjahr 2002 ernannte mich Meister Chu King-Hung, London, als ersten Europäer zum Meister des authentischen Yang-Stils. Die Berechtigung, den Meistertitel zu führen, erfolgt aus der Traditionslinie, aus der Weitergabe von Meister zu Meister. Im ZEN würde das heißen, dass der neue Meister Braue an Braue mit allen Meistern der Traditionslinie seinen weiteren Weg geht.

Welche Traditionslinie ist da gemeint?

Die Traditionslinie des authentischen Yang-Stils beginnt mit Yang Lu-Chan(1799-1872) und führt zu Meister Chu, der in London und in ganz Europa im Rahmen der „International Tai Chi Chuan Association“ (ITCCA) lehrt. Ich bin ihr Beauftragter für Deutschland und Vertreter der 6. Generation der Yang-Familie. Authentisches Taichi heißt auch „inneres“ Taichi. Es wird im inneren Kreis der Familie gelehrt. Die Geheimnisse eines Stils werden vom Meister an seine Kinder und an wenige Schüler weitergegeben. So ist sichergestellt, dass der Inhalt der Lehre unverfälscht bleibt. Öffentliches oder „äußeres“ Taichi ist dagegen für jedermann in den Parks, durch Bücher, Videos etc. zugänglich. „Inneres“ Taichi bedeutet, innere Kräfte zu entwickeln, die es einem ermöglicht, einen Angreifer abprallen zu lassen, ohne ihn zu verletzen. „Äußeres“ Taichi kann das nicht.

Aber die wenigsten wollen heute doch Taichi als Selbstverteidigung, mit der man einen Angreifer wegschubsen kann, erlernen, sondern als tägliche Übung, die gute Gesundheit verspricht und die einen zu sich selbst führt!

Das ist kein Widerspruch. Obwohl Taichi die berühmteste Kampfkunst in China war, ist es nicht das Ziel dabei, andere wegzuschubsen, wiedu es nennst, sondern die Lebensenergie ch’i zu entwickeln und zu kultivieren. Und deren Wirkungen sind gerade Gesundheit, Gelassenheit, Geschmeidigkeit und Selbsterkenntnis – aber auch die „innere Energie“, die einen Angreifer abprallen lässt. Gerade diese Fähigkeit hat das Taichi im 19.Jahrhundert in China überhaupt erst bekannt gemacht.

Wie kann man sich das vorstellen?

Durch langjährigre Entwicklung des ch’i entwickelt man die Fähigkeit, einen Angreifer zu entwurzeln: durch Berührung dessen Füße vom Boden abheben zu lassen, so dass dieser mehr oder wenig heftig zurückprallt. Beim Einsatz der „inneren Energie“ ist dazu absolut keine Körperbewegung des Meisters erforderlich. Das Abprallen wird als sanft und stark zugleich erfahren. Ist dazu der Einsatz von Muskel- oder Schwungraft erforderlich und wird das Entwurzeln als unangenehm erlebt, so ist es „äußeres“ Taichi. Geschieht es mit ch’i,erfahren beide Beteiligten „happy ch’i“, wie es Meister Chu nennt.

Du meinst, dass da eine philosophische oder spirituelle Dimension enthalten ist, die man durch authentisches Taichi realisieren kann?

Genau.

Könntest du das ein bisschen näher beschreiben?

Ich will es versuchen. Es ist bekannt, dass man durch Taichi den „natürlichen“ Weg lernt, mit äußeren Kräften umzugehen – wie ein Bambus, der dem Wind nachgibt. Doch dieses Nachgeben, um eine äußere Kraft zu neutralisieren, stellt lediglich die erste Stufe dar, ist sozusagen bloße äußere Nachahmung der Natur. Worum es aber geht, ist, die Essenz von Naturvorgängen „nachzuahmen“.

Das verstehe ich nicht.

Wenn ich Dich auffordere, wie ein Bambusrohr Wind zu sein, wird es dir – vielleicht nach ein bisschen Überwindung – nicht schwer fallen, es darzustellen. Aber wie stellst du einen Wirbelsturm dar?

Schwer zu sagen.

Und schwer zu machen. Das meine ich mit „Essenz von Natur“: zu werden, wie ein Wirbelsturm. Und ich meine hier nicht Darstellung – das fiele in den Bereich der darstellenden Künste – sondern Verkörperung, bei welcher nach außen gar nicht erkennbar ist, worum es geht.

Das hört sich ja spannend an – wie geht das?

Im authentischen Yang-Stil durch Erlernen der sog. Vertiefungsstufen, der „six internal principles“ - durch Übung. Es geht darum, den Körper in einen Ball mit gegenläufig rotierenden Oberflächen zu verwandeln – hört sich sehr technisch an, ist aber unglaublich vitalisierend – geführt vom Geist und unterstützt von einer bestimmten Art des Atem, dem sog. „Inneren Atem“ In dieser Anverwandlung von natürlichen Prinzipien liegt, wie ich finde, die spirituelle Dimension von Taichi Chuan.

Wie bist du eigentlich zum Taichi gekommen?

Ich habe es bei Graf Dürckheim im Schwarzwald, bei dem ich ZA-ZEN lernen wollte, 1973 kennengelernt. Nach anschließendem Selbststudium aus englischsprachigen Büchern – es gab noch keine deutschen, ich schrieb dann 1977 das erste deutsche Lehrbuch – ging ich auf die Suche nach einem Meister nach New York, London und Taipeh, Taiwan. Dort traf ich 1978 Meister K.H.Chu - wie es so schön heißt zufällig - wieder, den ich bereits 1975 in London aufgesucht hatte, und wurde 1979 sein Schüler, und 1988 als erster Meisterschüler angenommen.

Und seit wann unterrichtest du?

Ich gestehe es: bereits seit 1975. Meine damaligen Schüler mögen es mir verzeihen. Die Taichi-Schule gründete ich dann 1980 in Nied, übrigens die erste professionelle Schule in Deutschland. Von 1984 –94 waren wir dann in Bockenheim, ab 1986 übernahm meine Frau Gisa die Geschäftsführung, später wurde sie zusätzlich Lehrerin, und ab94 sind wir im Zentrum, Im Trutz. Übrigens hatte ich 1985 ein weiteres Buch veröffentlicht, das heute noch im Handel ist, inzwischen als Heyne-TB. Das erste, das eine Variante des Yang-Stils vorstellte –also nicht das authentische – ist heute nicht mehr erhältlic, was auch ganz gut so ist.

Du hast, wie du sagst, vor Meister Chu noch andere Lehrergehabt: Ist es nicht überhaupt besser, von mehreren Lehrern als nur bei einem einzigen zu lernen, wegen der größeren Vielseitigkeit?

So nach dem Motto, frei nach Goethe: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen? Aber ernsthaft: Wer Taichi lernen möchte, soll ruhig verschiedene Lehrer oder Schulen ausprobieren. Hat man aber seinen Stil gefunden und sich dafür entschieden, sollte man bei diesem Meister oder Lehrer bleiben. Ausprobieren bei anderen wird dann leicht – nach Ch.Trungpa – zu „spirituellem Materialismus“. Wer nach langer Zeit mit einem Lehrer oder Meister trotzdem wechseln möchte, sollte sich genau seine Motive überlegen; scheinbare Defizite der Methodeliegen oft einfach im Unvermögen des Schülers, der natürlich, wie jeder, lieber den Splitter im Auge des anderen als den Balken im eigenen sehen möchte.

Aber innerhalb eines Stils, z-B- des Yang-Stils, kann man doch die Lehrer wechseln?

Kaum. Es gibt -zig Varianten des Yang-Stils, alle irgendwie ähnlich. Die Unterschiede sind aber , gerade zwischen innerem und äußerem Taichi, gravierend. Gehst du mit deinem Auto, ein VW z.B.,zu Citroen und fragst dort nach Originalersatzteile?

Ich fahre einen Japaner, aber sicher würden die Teile schlecht passen.

Gar nicht. Genauso wenig passen die „Teile“ verschiedener Stile bzw. Stil-Varianten zusammen. Stillstand. Dann lernen die Leute jahrelang geduldig Taichi und warten darauf, dass eines Tages die ch’i Kraft kommt.

Du gibst mir das Stichwort: Gesetzt den Fall, jemand beginnt bei einem Meister, z.B. bei dir, ausschließlich zu lernen – wie lange braucht er, um ch’i zu entwickeln?

Eine Stunde und 20 Jahre. Das heißt, dass man bereits in der 1.Stunde die „ch’i-Kraft“ spüren kann – und dass es wirklich Zeit braucht, sie zu entwickeln und zu beherrschen.

Der Weg ist das Ziel?

So ungefähr. Nur muß ein Ziel da sein, auf das man zugeht. Und Wegweiser.

F:Noch ein Wort zu den verschiedenen Schreibweisen: Entweder Taichi oder T’ai Chi Ch’uan oder Taiji, auch Ch’i oder Qi- welche ist eigentlich die richtige, und bezeichnen die unterschiedlichen Worte auch unterschiedliche Sachen?

Eigentlich nicht. Korrekt wäre die Umschrift, die in der VR China gebräuchlich ist. Wir benützen aber weiterhin die (etwas modifizierte) Wade-Giles-Umschrift, einfach aus dem Grund, weil in dieser Transkription die erste Literatur in westlichen Sprachen über Taoismus, Taichi etc erschienen ist. Und als diePinyin-Umschrift der VR China entstand, waren die alten taoistischen Künste wie Taichi in China schon auf ziemlich niedrigem Niveau, und das haftet der neuen Schreibweise irgendwie an, finde ich. Die alte Umschrift ist für Taichi weiterhin – nicht nur bei uns – gebräuchlich.

Yang Cheng-Fu, Meister der 3. Generation und berühmtester Meister in China –er war wohl Lehrer von Tschiang Kai-Chek - hat in seinen späten Jahren so unterrichtet, heißt es: Mit Strohhut und Sonnenbrille im Sessel ab und zu eingenickt, ab und zu aufgestanden und sein ch’i demonstriert, und die Assistenten haben mit den Schülern gearbeitet. Steht das von dir – schließlich bist du ja jetzt Meister – auch zu erwarten?

Ich fürchte, nein. In unserer Schule gibt es zwar sehr gute Lehrerinnen und Lehrer, die ich vorschicken könnte, aber ich brauche den Kontakt mit den Schülern, weil ich meine Erfahrungen weitergeben möchte. Ich unterrichte Anfänger und Fortgeschrittene und gebe Privatstunden. Im übrigen gibt es vor dem Meistertitel keinen Kotau: Für neue Schüler bin ich „Herr Anders“, für Vertraute, weil Fortgeschrittene, weiterhin „Frieder“.

Eine letzte Frage zum Abschluß: Taichi soll ja olympische Disziplin werden. Falls ja – werden wir dich dort erleben können?

Ja, im Sessel mit Strohut und Sonnenbrille. Aber im Ernst. Da wird Taichi nur nach äußeren Kriterien beurteilt werden können: Die Formen etwa wie die Kür beim Eislauf, und Partnerübungen wie vielleicht Judo oder Sumo-Ringen – wer unten liegt oder aus dem Kreis fliegt, hat verloren; welche Kraft dabei im Spiel war, ist egal. Innere Energie kann aber von außen nicht verstanden oder beurteilt werden.

Meister Anders, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Edwin Klein-Schaumberg

Der Artikel ist aus der Website von Frieder: www.taichi-schule.de

 

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